1986… als der Videorekorder die Wohnzimmer eroberte

Gestern las ich über eine amerikanische Familie, die ein Jahr lang im Jahr 1986 leben will, also technologisch, nicht wirklich. Zeitreisen sind ja leider noch nicht erfunden. Ohne Internet, ohne Smartphone, ohne DVDs und CDs, ohne HDTV etc. Sie besitzen ein Festnetztelefon, einen Fernseher mit Antenne, einen Videorekorder, ein Radio und eine Nintendo-Spielekonsole.

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/us-familie-mcmillan-leben-ohne-smartphone-und-internet-a-931140.html

Ja, das waren noch Zeiten, als man immer wieder die Wählscheibe des (natürlich nicht schnurlosen) Telefons drehen musste, um die Oma in Düsseldorf zu erreichen. 0 – drrrrt – 2 – drrrrt – 1 – drrrrt – 1 – drrrrt – 7 – drrrt – 0 – drrrt – Mist, verwählt. Hörer auflegen, wieder abnehmen und nochmal: 0 – drrrrt – 2 – drrrrt – 1 – drrrrt – 1 – drrrrt – 7 – drrrt – 1 – drrrt – usw., um dann das nervtötende tuuuut-tuuuut-tuuuut zu hören, weil die Oma mal wieder dauertelefonierte. Oma besaß dazu ein Telefonschränkchen mit eingebauter gepolsterter Bank, damit es sich bequemer telefonierte. Bei uns in der Wohnung gab es einen Telefonschrank ohne Bank, da musste man stehen. „Fasse Dich kurz.“ war die Devise meines Vaters in Zeiten der minutengenauen Abrechnung von Telefonaten. Ferngespräche – wenn überhaupt – waren immer nur zum Mondscheintarif erlaubt, also ab 21 Uhr, vorher war es zu teuer. Damals schrieb man alternativ noch Briefe und Postkarten. Ja, so war das.

Dann die Videorekorder. Das Programmieren. Das war etwas für Experten, daran sind auch viele kluge Köpfe gescheitert. Wenn man stundenlang mit der Gebrauchsanleitung vor dem Fernsehschrank auf dem Wohnzimmerteppich lag, um eine Sendung aufzuzeichnen, die man gerne sehen wollte, man aber zum Ausstrahlungszeitpunkt nicht zu Hause war. Wiederholung am nächsten Vormittag? Fernsehen vormittags????? Muhahahaaa! Nee, das ging immer erst um halb vier mit der Kinderstunde los! Also entweder aufnehmen oder darauf verzichten. Und somit sind wir bei der Geschichte, die ich gerne erzählen möchte.

 

Es muss tatsächlich um 1986 gewesen sein, als der Vater des damaligen Lebensabschnittsgefährten der Drachenfrau (damals noch Drachenfräulein) einen Videorekorder anschaffte. Der Plan des 007-Fans war, sämtliche James-Bond-Filme aufzunehmen, damit sie jederzeit zur Verfügung standen, wenn es ihn danach gelüstete. Und wer sollte das neue Schmuckstück anschließen? Wer sollte den Anwender in der Bedienung schulen? Genau, das Drachenfräulein.

Eines Samstagsnachmittags war es dann soweit. Nach längerem Kampf mit den Kabeln, ebenso langem Rumdrehen an den Fernsehkanälen und vielen Flüchen (die hier nicht wiederholt werden sollen) empfing der Rekorder endlich das richtige Signal. Wie das Aufzeichnen einer Sendung nun von statten gehen sollte, erläuterte das Drachenfräulein dem Schwiegervater-in-Spe ausführlich. Er nickte immer brav und verständig und man hatte tatsächlich den Eindruck, dass er das Procedere verstanden hätte.

Am selben Abend sollte einer der begehrten James-Bond-Filme im Fernsehen laufen und es war geplant, diesen aufzuzeichnen. Kurz vorher rief der Schwiegervater-in-Spe panisch an und teilte mit, er hätte das gerade noch mal testen wollen, aber das ginge alles nicht und der Rekorder nimmt nix auf. Das Drachenfräulein hatte keine rechte Lust, schon wieder dahin zu fahren und versuchte sich in Ferndiagnose.

„Ist beim Fernseher das Programm 0 eingeschaltet?“ – „Ja.“

„Ist beim Videorekorder das erste Programm eingeschaltet?“ – „Ja.“

„Hast Du Play und Aufnahme gleichzeitig gedrückt?“ – „Ja.“

„Und?“ – „Passiert gar nichts.“

Ratlosigkeit.

Da das Drachenfräulein sich der mangelnden Geschicklichkeit ihres Schwiegervaters-in-Spe bewusst war, fragte sie vorsichtig „Hast Du die Kassette richtig rum reingesteckt?“

Stille.

„Eine Kassette???????“

Fehlersuche erfolgreich abgeschlossen. Die Kassette, die er anscheinend als dekoratives Element betrachtet hatte, wurde in den Rekorder gesteckt (richtig herum!) und schon funktionierte alles. Es reichte dann gerade noch, um „Octopussy“ – sogar mit Vorspann – für die Ewigkeit aufzuzeichnen.

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Über drachenfrau

Drachenfrau Geboren, aufgewachsen und immer noch wohnhaft in einer kleinen Großstadt im Bergischen Land. Liebt eigentlich Hunde, hat aber Katzen. Wollte eigentlich nie heiraten, hat aber jetzt den besten Ehemann von der Welt. Möchte am liebsten Opernarien singen, hat aber überhaupt keine Stimme. Mag eigentlich keine Politiker, ist aber politisch aktiv. Wollte eigentlich einen aufregenden internationalen Job, ist aber in einem mittelständischen Unternehmen gelandet und fühlt sich dort geradezu unanständig wohl. Alles weitere beizeiten...
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