BAP – es tut mir echt leid…

Eben wurde von einem meiner Facebookfreunde ein Youtube-Video von BAP geteilt. „Kristallnaach“… ich liebe dieses Lied, aber es erfasst mich jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich es höre… also BAP gegenüber. Warum? Das werde ich Ihnen gerne erzählen.

Vor vielen Jahren – ich war 15 oder so – gab es in unserem Stadtteil, der üblicherweise „Dorf“ genannt wurde, ein so genanntes Pfingstochsenfest. Das war ein ganz kleines Fest, vom örtlichen Einzelhandelsverband organisiert. Dort fanden die üblichen ländlichen Vergnügungen statt: Es gab zum Beispiel ein „Schnurrad“, vielleicht am ehesten mit dem später im TV erfolgreichen Glücksrad vergleichbar. Kennt das noch jemand? Dort konnte man bei jeder Runde eine Anzahl Nummern kaufen (für 50 Pfennige die Nummer) und man gewann etwas, wenn die gekaufte Nummer bei einer von drei Drehungen pro Runde gezogen wurde. Eine Tüte Gummibärchen, ein Federballspiel, einen Eimer mit Putzmitteln und Schwämmen und ähnlich nützliches Zeug.

Es gab auch einen „Blinker“. Da setzte man auf ein Feld 10 Pfennige und wenn nach einem Durchlauf genau dieses Feld aufleuchtete, hatte man den kompletten Einsatz gewonnen, also maximal 5 Groschen (denn es gab fünf Felder), natürlich abzüglich des eingesetzten Groschens. Reich wurde man dabei nicht. Aber dafür waren die Gewinnchancen höher als beim Lotto.

Dann gab es noch die „Rollende Disco“ von Rudi Keller… eine nähere Beschreibung erspare ich Ihnen und mir…

Und es gab den gefürchteten Pfingstochsen… sprich: einen fetten Ochsen am Spieß, der sich so schlecht verkaufte, dass man die Portionen schon bei etlichen Gewinnspielen im Vorfeld verloste. Damit überhaupt jemand dabei mitmachte, gab es auch noch andere – attraktivere – Gewinne. Und wenn man den großen Fehler machte, in einem dörflichen Laden größere Einkäufe zu tätigen, gab es kein Entkommen, dann war man sowieso dabei…

Bei einer dieser Verlosungen gewann ich tatsächlich etwas. Und zwar – und das war die große Ausnahme – keine Portion vom fetten Pfingstochsen, sondern Karten für ein Konzert im (ebenfalls dörflichen) so genannten „Stadtsaal“ (eine gewisse Neigung zur Übertreibung darf man durchaus unterstellen). Und dieses Konzert gab eben die für mich damals völlig unbekannte Band „BAP“!

Ich hatte keine Ahnung, welche Art Musik mich erwartete, fand aber die Idee, auf mein allererstes Live-Konzert zu gehen, unglaublich aufregend. So dicke hatten wir es auch nicht und ein Konzert war eben ein Konzert. Unsere Eltern kamen damals nicht im Traum auf die Idee, ihren (mehr oder weniger) hoffnungsvollen Nachwuchs kilometerweit zu irgendwelchen Popkonzerten zu chauffieren und dieses Konzert war direkt „umme Ecke“, nämlich keine Viertelstunde zu Fuß von zu Hause entfernt und es kostete nix. Also schnappte ich mir meinen besten Kumpel Frank und nötigte ihn, mit mir zu dem Konzert zu gehen. An nennenswerten Widerstand kann ich mich allerdings auch nicht erinnern…

Man muss jetzt wissen, dass es Ende der 70er war (nach meinen Recherchen muss es 1979 gewesen sein), und wir hörten üblicherweise Boney M, Abba, Village People, Racey oder – wie mein Kumpel Frank – Elvis „the Pelvis“, der schon 1977 den Löffel abgegeben hatte. War alles okay… aber das Einzige, das überhaupt nicht ging, das total uncool war und wofür man sich echt schämte, war: deutsche Musik zu hören. Deutsche Musik, das war damals Heino, Howard Carpendale, Tony Marschall und Rudi Carell. Peter Maffay quälte die Nation mit „So bist Du“, Herbert Grönemeyer hatte sich selbst noch nicht erfunden und Xavier Naidoo lief mit der Trommel um den Weihnachtsbaum. Wir befanden uns zwischen „Let the sunshine in“ und „Night fever“ und es war kein Platz für deutsche Musik und schon gar nicht für deutsche Mundartmusik, auch nicht für kölsche.

Kurz und knapp: wir fanden es furchtbar. Wir haben uns gelangweilt. Wir hätten es vielleicht gut gefunden, wenn wir uns darauf eingelassen hätten. Aber dafür waren wir wohl noch zu jung. Jedenfalls sind wir nach knapp einer halben Stunde wieder gegangen, weil wir es einfach dooooooof fanden.

Umso mehr überraschte mich der Erfolg dieser langweiligen Band ab Mitte der 80er Jahre und ich hab sie heimlich gut gefunden…

Vor drei Jahren war ich mit dem besten Ehemann von allen auf einem Konzert von Wolf Maahn in Köln. Wir standen an der Seite an einem Absperrgitter. Ein Stück dahinter war ein Vorhang, aus diesem guckte irgendwann Wolfgang Niedecken heraus und zwinkerte uns zu. Und ich dachte nur: „Ach Wolfgang, wenn Du wüsstest…“

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Über drachenfrau

Drachenfrau Geboren, aufgewachsen und immer noch wohnhaft in einer kleinen Großstadt im Bergischen Land. Liebt eigentlich Hunde, hat aber Katzen. Wollte eigentlich nie heiraten, hat aber jetzt den besten Ehemann von der Welt. Möchte am liebsten Opernarien singen, hat aber überhaupt keine Stimme. Mag eigentlich keine Politiker, ist aber politisch aktiv. Wollte eigentlich einen aufregenden internationalen Job, ist aber in einem mittelständischen Unternehmen gelandet und fühlt sich dort geradezu unanständig wohl. Alles weitere beizeiten...
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